Ein Dienstag im Überfluss
1
Kein Wecker, und trotzdem wach. Selva lag noch einen Moment da und rechnete nach, wann ihr das zuletzt passiert war. Sie kam auf ungefähr ein Jahr und beschloss, das als Erfolg zu verbuchen.
Heute lohnte sich das Frühaufstehen sogar. Nach vier Monaten Warteliste hatte sie endlich einen Termin bei Nour, und weil man bei Nour mit Geld nicht ankam, kochte sie. Fünf Gänge, ihre eigene Idee, die sie ungefähr alle zwei Wochen bereute, immer dann, wenn ihr einfiel, wie gut Nour aß. Dass sie gut kochte, sagten ihr die Leute. Sie selbst hätte sich allenfalls im unteren Drittel mit Anspruch nach oben einsortiert. Aber es machte ihr Spaß, also machte sie weiter.
Es klingelte.
„Ah, die Brötchen.“
Sie sprang aus dem Bett, zog Hose und Shirt an, beides so voller Flicken und Patches, dass die ursprüngliche Farbe eher eine Behauptung war. Sie wusste, dass ein neues Shirt keine drei Minuten und keinen Cent kosten würde. Aber sie hatte diese eine Sache mit dem molekularen Recycling nie wirklich verwunden.
„Da gehen ja all meine Erinnerungen verloren“, sagte sie meistens, wenn jemand sie darauf ansprach — meistens jemand, der ihr dabei in komplett neuen Klamotten im aktuellen Schnitt gegenübersaß und sie ansah wie einen Menschen, der heutzutage noch freiwillig Kassetten sammelt.
Sie öffnete die Tür und stutzte. Da stand ein Mensch.
Ein älterer Herr, den sie schon mal gesehen hatte, entweder auf der Straße oder in dem speziellen Lebensmittelladen, in dem sie sich so gern inspirieren ließ. Der Mann hielt eine Papiertüte hoch.
„Moin, ich bin der Herbert, und das sind deine Brötchen.“ Und dann, weil Selvas Gesicht offenbar Fragen stellte: „Ich trag seit einer Woche die Bestellungen aus. Wollte mal wissen, wer hier in der Gegend eigentlich so wohnt.“
„Oi. Danke.“ Selva griff in die Schale neben der Tür, in der sie ihre Sticker aufbewahrte, und drückte Herbert eine Handvoll in die Hand. „Hier, hab auch was.“
„Ach nice.“ Herbert hielt die Sticker nah vors Gesicht und begutachtete sie einzeln, was länger dauerte, als Selva erwartet hatte. „Die hast du selbst gemacht?“
„Ja.“
„Dann nehm ich die ordentlich mit.“ Er verstaute sie sorgfältig in einem Umhängebeutel, in dem sich bereits eine beachtliche Sammlung Kleinkram angesammelt hatte. Selva versuchte, nicht zu offensichtlich reinzuschauen, und sah trotzdem drei kleine Gläser mit etwas Essbarem, das sie nicht entschlüsseln konnte, einen Stempel mit einem Motiv, das sie nicht ganz erkannte, und irgendetwas Blaues. Schien sich ja zu lohnen, neue Menschen kennenzulernen. „So. Ich muss weiter, zwölfter Stock ist noch nicht versorgt und die schlafen alle so lang.“
Er nickte dem Roboterhund zu, der neben ihm auf dem Treppenabsatz stand und die Frühstückslieferung für offenbar das ganze Haus auf dem Rücken trug. Der Hund setzte sich in Bewegung — und blieb nach zwei Schritten stehen. Ein leises Summen, dann ein Fehlercode auf dem Display.
Herbert fluchte leise. „Wieder die Navigationsschicht. Seit dem letzten gemeinsamen Update klemmt das bei den älteren Chassis. Die Gruppe, die die Basis pflegt, sagt, die Hardware-Leute sollen nachziehen. Die Hardware-Leute sagen, der Code sei zu aufgebläht. Und wir stehen hier und tragen die Säcke selbst.“
Selva half ihm, die restlichen Lieferungen umzuverteilen. Es dauerte zehn Minuten. Der Hund blieb reglos stehen.
„Ciao. Und danke für die Hilfe.“
„Ciao.“
Selva schloss die Tür und war weniger gut gelaunt als fünf Minuten zuvor. Nicht wegen der Brötchen.
Sie mochte die Roboterhunde trotzdem. Sie hatte sich mal damit beschäftigt, warum jeder von ihnen anders aussah, und war auf eine Antwort gestoßen, die ihr besser gefiel als die Frage: weil sie von Leuten gebaut werden, die Bock darauf haben, und Leute mit Bock haben Geschmack. Der aus dem Nachbarhaus hatte bunte Beine. Letztens hatte sie einen gesehen, der aussah wie ein Dackel, aber mit Neon-Schnüren im Pudel-Look verziert war. Und einem im nächsten Viertel hatte jemand ein Gesicht 3D-gedruckt, was Selva ehrlich gesagt beunruhigend fand.
Die Hardware war immer anders, innen drin liefen sie alle gleich. Das war mal umgekehrt gewesen. Früher hatte der Code den Unternehmen gehört, die gedacht hatten, Roboterhunde wären doch super. Dann hatten weltweit ein paar Leute angefangen, eigene Firmware und eigene Hardware zu bauen, erst als Hobby, dann in Gruppen, und irgendwann gab es siebzehn hervorragende Systeme, von denen keins mit einem anderen reden konnte. Es hatte offenbar ein sehr langes Wochenende und sehr viel Mate gebraucht, an dem sich alle zusammensetzten und feststellten, dass sie das gleiche Problem gelöst hatten, nur jeder für sich.
Seitdem eine Code-Basis, adaptierbar mit lokal unterschiedlichen Navigationsmodellen, und die Fähigkeit, so ziemlich jeden Motor und jede Kamera anzusprechen. Deshalb sahen alle anders aus und funktionierten trotzdem. Meistens, wie man an diesem Morgen sehen konnte.
Die Unternehmen hatten dagegengehalten, natürlich. Aber gegen kostenlose, selbstgebaute Roboter kann man schlecht konkurrieren, und allein die Instandsetzung all der Sachbeschädigungen, die die Firmenmodelle in ihrem kurzen Leben eingesammelt hatten, muss eine Heerschar an Leuten beschäftigt haben.
„Was die wohl heute machen“, dachte Selva. „Die, die die Aufkleber wieder abgekratzt haben. Und die, die das für eine Geschäftsidee gehalten haben.“ Manche davon, hatte sie gehört, saßen inzwischen in den Gruppen, die die gemeinsame Firmware pflegten, und stritten sich dort genauso heftig wie früher in den Firmenmeetings.
Sie ging zum Regal und holte Marjas Marmelade.
Selva und Marja waren beide in der Marmeladenkooperative, was bedeutete, dass sie sich einmal im Monat trafen und ihre Gläser tauschten. Es war noch nie vorgekommen, dass jemand ohne neues Glas nach Hause ging. Auch nicht bei Odd, der einmal etwas mitgebracht hatte, das er selbst „Feigen-Makrele-Konfit“ nannte und das man nur großzügigerweise als Experiment und nicht als versuchte Körperverletzung durchgehen lassen konnte. Trotzdem fand auch dieser Topf seinen Deckel. Seitdem gab es immer mehr von Odds Experimenten, und als Selva irgendwann das Mango-Sardellen-Chutney mitnahm, war sie ehrlich überrascht.
Beim letzten Treffen war es allerdings knapp geworden. Zwei hatten gleichzeitig dasselbe Glas gewollt, eine von Marjas besseren Chargen. Man hatte abgestimmt, und jemand war mit leeren Händen gegangen. Das war neu.
Am Kühlschrank griff sie fast zur falschen Butter.
Selva hatte drei. Eine leicht grünliche Margarine aus Spirulina-Fett, perfekt zum Backen, optisch gewöhnungsbedürftig, direkt aus der Anlage und damit ungefähr so kostbar wie Leitungswasser. Eine aus dem Bioreaktor, von Bakterien, denen irgendwann jemand ein Gen-Rezept für „nussig-waldig“ entschlüsselt hatte. Selva hatte den Stamm aus einer Stadt mitgebracht, in der sie mal gewohnt hatte, und drei Monate gebraucht, um ihn an das hiesige Wasser anzupassen, was sie nach außen als „ein bisschen Feinschliff“ bezeichnete. Über die Ansiedlung im Viertel war abgestimmt worden, mit dreiundsechzig Prozent Zustimmung, was Selva für einen Butter-Vorschlag beachtlich fand. Die übrigen siebenunddreißig Prozent hatten sehr ausführlich diskutiert, und einer benutzte seitdem demonstrativ nur noch die Kuhmilchvariante.
Die war die dritte, Rohmilch vom Hof, und für die war Selva gestern extra rausgefahren.
Die kostete Geld. Nicht viel. Die Leute auf dem Hof machten das freiwillig und gern und hätten es auch verschenkt — der Preis stand nur dran, damit nicht die halbe Stadt gleichzeitig auf die Idee käme, mal echte Kuhbutter zu probieren. Ein bisschen Reibung, mehr nicht. Genug, dass man kurz überlegte, ob man das jetzt wirklich braucht. Wer es wirklich brauchte, bekam es trotzdem.
Selva hatte lange gebraucht, um das zu verstehen. Am Anfang hatte sie gedacht, ein Preis sei ein Preis.
Mit dem Hof hatte sie inzwischen etwas ausgehandelt, das keinen richtigen Namen hatte. Sie bekam mehr, als ihr zustand, und brachte dafür ihre Versuche mit. Butter aus Bakterien, die nach Heu schmecken sollte und im vierten Anlauf tatsächlich nach Heu schmeckte. Butter mit einer Säurekurve, die sie einem Joghurtstamm abgeschaut hatte. Die Hofleute probierten alles, sagten meistens ehrlich, dass ihre eigene besser sei, und behielten trotzdem jedes einzelne Glas.
Andere fragten sie manchmal, warum sie überhaupt noch eine Küche hatte. Man kann sich doch alles kochen lassen. Konnte sie. Machte sie nur nicht.
Was sie stattdessen hatte, war ein Schrank voller Grundzeug — Fett, Protein, Stärke, Gemüse, Aromastoffe, alles aus der Anlage, alles gratis, alles ungefähr so aufregend wie Papier — und die feste Überzeugung, dass man daraus so gut wie alles bauen kann, wenn man lange genug hinguckt. Das war ihre Sache. Nicht seltene Zutaten sammeln, die von allein schon gut sind. Sondern aus dem, was ohnehin alle haben, etwas machen, mit dem keiner gerechnet hat.
Neben der Küche stand deshalb der Koffer.
Vier Fermenter, ein gedruckter Inkubator aus dem Repair-Café, eine Handzentrifuge, die lauter war als nötig, und ein Regal mit beschrifteten Röhrchen, von denen ein Drittel Namen trug, die nur sie selbst verstand. Für alles Aufwendigere ging sie ins Biolabor im Viertel, wo bessere Geräte standen und Leute, die mehr wussten als sie. Was dabei rauskam, lud sie hoch, immer, auch die Fehlschläge. Es hatte sie mal jemand gefragt, warum sie das mache, und Selva hatte ehrlich nicht gewusst, was mit der Frage gemeint war.
Die aufgeschnittenen Brötchen legte sie in den Toaster, den sie von ihrer Nachbarin bekommen hatte, weil die gemerkt hatte, ihn seit zwei Jahren nicht benutzt zu haben. Der Absenkmechanismus war kaputt gewesen, ein Nachmittag im Repair-Café und ein gedrucktes Teil später funktionierte er wieder. Inzwischen war er über und über bestickert, von Leuten, die Toast aus ihm bekommen hatten. So läuft das mit Geräten, die etwas tun: Sie sammeln Spuren von denen, für die sie es getan haben.
Und dann Karl.
Karl war ein Kochmesser, Buttermesser und Marmeladenmesser, und die Geschichte dazu war Selvas liebste. In ihrer vorletzten Stadt hatte es eine unverschämt gute Metall-Community gegeben — also Leute, die sich mit Metall auskannten, und nicht primär Leute, die Metal gerne hören, was sich aber nicht immer trennscharf feststellen ließ — und einer von ihnen, mit dem sie zwei Jahre lang jedes Wochenende in derselben Werkstatt gestanden und über Härtegrade gestritten hatte, hatte ihr zum Abschied eins geschmiedet.
„Damit deine Schnitte so scharf werden wie deine Currys“, hatte er gesagt, was objektiv ein schlechter Spruch war.
Selva behauptete seitdem, dass ihr Essen besser schmeckte, wenn sie mit Karl schnitt. Sie wusste, dass das Unsinn war. Es schmeckte trotzdem besser.
Einmal hatte jemand im Repair-Café gefragt, ob sie das Messer nicht teilen könne. Selva hatte nein gesagt. Das war ihr hinterher peinlich gewesen, und sie hatte es trotzdem nicht bereut, und beides zusammen beschäftigte sie immer noch. Sie lud jeden Stamm hoch, den sie baute, jede Kurve, jeden misslungenen Ansatz. Und ein Messer wollte sie nicht rausrücken.
Beim Bestreichen fiel ihr auf, wie lange sie keine Brötchen mehr bestellt hatte. Normalerweise gab es Brot von Berta.
Berta war ihr Mutterteig, älter als ihre letzten drei Wohnungen und älter als sie selbst. Selva hatte den Teig in einer Kühlbox über zweitausend Kilometer transportiert und erzählte das niemandem, weil sie die Nachfragen kannte.
Streng genommen stimmte das mit dem Alter nicht mehr. In der vorletzten Stadt hatte sie Berta ein Gen für einen Ester dazugegeben, der nach Aprikose riecht, weil sie wissen wollte, ob das geht. Es ging. In der Stadt davor hatte sie die Säurekurve verschoben, weil ihr das Brot zu brav vorkam. Und ganz am Anfang, mit dreiundzwanzig, hatte sie nur eine wilde Hefe dazugesetzt, die sie von einer Rinde gekratzt hatte, und das damals für den Gipfel des Größenwahns gehalten.
Es gab also, ehrlich gerechnet, vier Bertas, und das ist konservativ gezählt. Und das war noch nicht mal das eigentliche Problem. Ein Sauerteig wird ohnehin alle paar Tage vollständig ersetzt, das ist sein ganzes Prinzip — von der Berta, die sie mit dreiundzwanzig bekommen hat, ist längst kein einziges Molekül mehr übrig, und daran ist niemand schuld.
Selva nannte sie trotzdem Berta. Andere Leute wären da strenger gewesen.
Manchmal, wenn sie den Deckel aufmachte und dieser Geruch hochkam, den sie inzwischen selbst mitgebaut hatte, fragte sie sich, ab wann eigentlich etwas aufhört, dasselbe zu sein. Dann fütterte sie den Teig und dachte an etwas anderes.
Die kostenlosen Brötchen waren gut. Sie waren nur nicht von Berta.
2
Sie packte Karl ein und machte sich auf den Weg.
In der Kiezküche war sie angemeldet, weil sie mehr Platz brauchte, als sie zu Hause hatte, und weil sich fünf Gänge für eine Portion schlicht nicht lohnen. Also hatte sie die Gänge in die Kiez-App gestellt. Ein Teil ließ sich liefern, ein paar kamen vorbei.
Sie hatte es umsonst reingestellt. Trotzdem war ein Gutschein für eine Massage eingegangen und einer für einen Kasten selbstgebrautes Bier. Trinkgeld.
Sie schob beides ins Tausch-Wallet, wo es sich mit dem Netzwerk verband und anfing, nach Kanten zu suchen. Selva hatte hinterlegt, dass sie sich über ein Wandgemälde freuen würde. Zweimal war schon eins aufgeploppt, zweimal hatte sie abgelehnt, einmal höflich und einmal sehr höflich. Seit gestern lag das Angebot einer Graffitikünstlerin drin: die ganze Wand. Selva war kurz davor, ja zu sagen, obwohl sie wusste, dass sie in einem Jahr vielleicht schon wieder woanders war.
Darunter, seit Freitag, eine zweite Anfrage. Achtzehn Leute, zwei Abende, das Jubiläum von irgendwas. Und dahinter eine Zahl.
Richtiges Geld.
Sie hatte noch nicht geantwortet, und es lag nicht daran, dass sie nicht wollte. Es lag daran, dass sie die Frage dahinter noch nicht zu Ende gestellt hatte, und die Frage war nicht, ob sie zwei Abende arbeiten wollte, sondern wofür.
Zwei Sachen standen auf der Liste. Ein Weizen aus dem Süden, den dieselbe Familie seit vier Generationen anbaut, der angeblich nach überhaupt nichts schmeckt, bis man ihn falsch behandelt. Und eine geräucherte Chilipaste, die zwei Jahre in einem Fass liegt, bevor sie überhaupt jemand aufmacht.
Die Chilipaste kam aus einem der Länder, die es immer noch gibt. Selva hatte zweimal einen halben Abend an der Frage verbracht, ob man da bezahlen soll, und war beide Male zu nichts gekommen. Das Geld geht rein. Wo es ankommt, weiß niemand so genau. Und nicht zu kaufen hilft dem Mann mit dem Fass auch nicht.
Beides gab es nicht aus der Anlage. Beides würde es irgendwann aus der Anlage geben, sobald jemand lange genug daran sitzt.
Selva hatte sich fest vorgenommen, bei mindestens einem davon dieser Jemand zu sein, und war sich vollständig darüber im Klaren, dass das größenwahnsinnig klang.
Genau in dem Moment, in dem sie auf die Straße trat, surrte der Kiezbus an ihr vorbei.
„Verflixt.“
Sie bestellte ein Taxi, und es machte sie nicht glücklich. Ihre Stadt war noch in der autofokussierten Vergangenheit gebaut worden, und Nour wohnte ein Stück außerhalb, dort, wo damals niemand auf die Idee gekommen war, Schienen zu verlegen. Bus zu Zug zu Bus zu Scooter, oder eben das.
Wenigstens gab es draußen auch eine Kiezküche. Selva wollte sich nicht vorstellen, das ganze Zeug mitzuschleppen.
Im Taxi saßen schon drei Leute. Selva setzte sich ans Fenster, tat Kopfhörer rein und schaute raus.
Sie versuchte sich vorzustellen, wie es hier früher ausgesehen haben muss. Autos überall, angeblich. Und nicht nur fahrend — sie sollen auch einfach herumgestanden haben, den Großteil des Tages, jedes einer einzelnen Person gehörend, die es gerade nicht benutzte. Selva hatte das mehrfach erklärt bekommen und konnte es sich immer noch nicht richtig vorstellen.
Heute: Grünflächen mit Kindern drauf. Cafés, eins davon mit einem Konzept, das sie beim besten Willen nicht entschlüsseln konnte. Und Bäume. Sehr viele Bäume.
Selva mochte, dass sie die alten Häuser stehen gelassen hatten. Klimaanlagen rein, Gasheizungen raus, fertig. Wer auch immer damals auf die Idee gekommen war, mit Erdgas zu heizen, musste wirklich nicht alle Tassen im Schrank gehabt haben. Als hätte man bei der Kohle nicht genug gelernt. Und die neuen Kohlenwasserstoffe, die man aus Strom herstellt, sind viel zu kostbar, um sie einfach zu verbrennen. Aus einem Kubikmeter davon macht die Anlage Vanillin, Aspirin, Farbpigment und dreißig Kilo Protein. Man verbrennt so etwas nicht. Man verbrennt auch keine Bücher.
Vor zwei Jahren, glaubte sie, hieß es, das letzte Barrel Rohöl sei aus der Erde gesaugt worden. Seitdem wird nur noch grünes Öl wieder reingepumpt. Oder war es in Plastik gebunden und vergraben? Sie wusste es nicht mehr genau. Der Klimawandel war jedenfalls noch da, das Wetter blieb unangenehm launisch, aber irgendwann hatte die Umstellung auf die vollautomatisierte Lebensmittelproduktion so viel Fläche freigemacht und so viel Kohlenstoff gebunden, dass die Gesellschaft plötzlich Zeit hatte. Und mit Zeit lässt sich vieles machen, was mit Panik nicht geht.
Sie wollte gerade anfangen, sich auszumalen, wie es sonst gelaufen wäre, verwarf es aber. Nach dem Frühstück über Mad Max nachzudenken ist keine gute Gewohnheit.
Da tippte ihr jemand auf die Schulter.
„Lian!“
„Was machst du denn hier so früh?“ Lian ließ sich neben sie fallen. „Und was hörst du da so Wichtiges?“
„Ich fahr raus aufs Land und koch ein bisschen. Da wohnt jemand, von dem wollte ich mir schon ewig ein Tattüchen stechen lassen.“ Sie drehte den Spieß um. „Und du?“
„Ist bei mir auch neu, das mit dem Früh. Ich bau gerade ein Rennauto.“
„Ein Rennauto.“ Selva sagte es nach wie ein Papagei, weil sie sich seit ungefähr fünfzehn Jahren keine Gedanken mehr über Rennautos gemacht hatte.
„Ja. So ein Ding, mit dem man rumdüst. Ich hab in VR ein paar Leute kennengelernt, die das mal in echt machen wollten.“ Lian klang leicht pampig, was daran lag, dass sie Selvas Gesicht lesen konnte und darin drei separate Verwunderungen erkannte, alle über sich selbst: VR. Rennspiele. Und dass sie ein Auto bauen konnte. „Jetzt treffen wir uns täglich und schrauben. Und streiten uns. Die Hälfte will maximalen Algorithmus, die andere Hälfte will, dass der Mensch noch was zu sagen hat. Letzte Woche sind zwei abgesprungen.“
Sie hatten sich drei Monate nicht gesehen. Lian machte sich eine mentale Notiz, dass drei Monate inzwischen ziemlich viel waren.
„Wie schnell ist es?“
„Nach Plan sehr. Aber wir treten bei der Mixed-Human-Machine an, also muss ein Mensch drin überleben können, was die Sache verkompliziert. Mich interessiert eh eher das Zusammenspiel zwischen Rennalgorithmus und menschlichem Input.“
„Okay, da versteh ich nur Bahnhof.“ Sie meinte es so. „Kann ich mal zu einem Rennen kommen?“
„Klar. Wenn du für mein Team kochst.“
„Erpressung.“
„Verhandlung.“ Lian schaute sie an. „Du kochst doch noch, oder?“ Die mentale Notiz hatte sie daran erinnert, dass drei Monate in beide Richtungen funktionieren.
„Immer noch. Wird nicht langweilig, leider.“ Sie überlegte. „Ich hätt aber mal wieder Bock, woanders zu kochen. Mit anderen Zutaten. Hast du die neue Butter probiert?“
Und während sie es sagte, dachte sie an Berta und daran, dass sie in der nächsten Stadt wieder etwas an dem Teig ändern würde. Sie machte das jedes Mal. Sie hatte nie beschlossen, dass sie das jedes Mal machen würde.
„Du willst schon wieder weg? Du bist doch gerade erst hergezogen.“
„Das war vor drei Jahren.“
„Eben.“
„Das ist eine Ewigkeit.“
„Du und dein Kosmopolitismus.“ Lian sagte es ohne Schärfe, aber auch ohne Nachsicht. „Willst du denn nirgendwo mal alt werden?“
Selva überlegte kurz, ob sie die kurze Antwort geben sollte, und gab dann die lange.
„Weißt du eigentlich, wie absurd das ist?“ Sie drehte sich zu Lian. „Ich pack Berta ein, ich pack Karl ein, ich pack den Koffer ein, ich steig in einen Zug. Und wo ich aussteige, steht dieselbe Anlage, dieselbe Kiezküche, dasselbe Regal mit demselben Grundzeug drin. Ich muss niemanden fragen. Ich muss nichts nachweisen. Es kostet mich nichts.“ Sie machte eine Pause. „Das hat’s vorher nicht gegeben. Für niemanden.“
„Und deshalb machst du’s.“
„Nee. Deshalb kann ich’s. Machen tu ich’s wegen was anderem.“ Sie suchte kurz. „Wenn überall dasselbe Grundzeug steht, dann ist alles, was trotzdem anders schmeckt, eine Entscheidung, die jemand getroffen hat. Die Butter hier schmeckt anders als vierhundert Kilometer weiter, weil da andere Leute abgestimmt haben. Anderes Wasser, andere Stämme, jemand hat vor zwölf Jahren einen Fehler gemacht und ihn behalten, weil er gut war. Das ist keine Landschaft. Das sind Leute.“
„Und die musst du besuchen.“
„Ich muss ihr Zeug essen.“
„Ist das was anderes?“
Sie dachte länger darüber nach, als ihr lieb war.
„Die kriegst du doch hier auch“, sagte Lian. „Du kannst dir alles kochen lassen, die Rezepte sind offen, die Stämme sind offen, die Zutaten kommen an die Tür. Du hast selber welche hochgeladen, die jetzt irgendwo in Chile im Kühlschrank stehen.“ Sie fragte es wirklich interessiert, das war das Anstrengende an ihr. „Oder suchst du nur den Zustand, in dem dich niemand kennt und niemand was von dir will?“
„Die Luft ist anders“, sagte Selva. „Überall.“ Sie merkte selbst, wie dünn das klang, direkt hinter dem, was sie vorher gesagt hatte.
„Und klar krieg ich hier Fisch aus der Anlage. Der ist besser als alles, was man früher aus dem Meer gezogen hat, das sagen sogar die Alten.“ Selva zögerte. „Selbst geangelt schmeckt er trotzdem besser.“
„Das ist Unsinn.“
„Ich weiß.“
„Mit dem ganzen Mikroplastik?“
„Ach, das ist nicht mehr so schlimm. Da hat letztens jemand eine Pille entwickelt, für Leute, die sich aus der Natur ernähren. Bindet das alles. Guck mal in der Allmende-App, die wird sogar hier von ein paar Leuten produziert.“
„Ich frag mal Rocha, die tüftelt gerade im Biolabor rum.“
„Ich weiß. Ich hab ihr letzte Woche einen Stamm gegeben.“
„Siehst du.“ Lian machte sich zum Aussteigen bereit, und dann sagte sie es doch noch, halb im Aufstehen, in dem beiläufigen Ton, den sie für die Sätze reservierte, auf die es ihr ankam. „Ich find das ja gut, dass man einfach gehen kann. Das ist ja der ganze Witz an der Sache. Keiner kann dich festhalten, weil draußen für dich gedeckt ist, überall, ohne Bedingungen. Ich hab noch nie verstanden, wie die Leute das vorher ausgehalten haben.“
„Aber?“
„Kein Aber. Nur eine Frage.“ Sie hielt sich an der Stange fest. „Was heißt Bleiben eigentlich noch, wenn Gehen nichts kostet?“
Selva öffnete den Mund.
„Und bevor du antwortest“, sagte Lian: „Für dich kostet’s nichts. Für die Leute, die du zurücklässt, schon.“
Dann, schon halb an der Tür, in ihrem normalen Ton: „Du meldest dich, wenn du noch lang genug da bist für ein Rennen. Ich setz dich auf den Verteiler. Und diesmal kochst du für mein Team.“
„Viel Erfolg.“
Lian stieg aus und ließ ihr die Frage da.
Wie lange soll ich denn noch von Ort zu Ort hoppen? Und was passiert, wenn ich irgendwann nirgendwo mehr hingehöre?
3
Sie war ehrlich gesagt froh, dass der Algorithmus inzwischen wusste, wen sie kennt, und ihr Leute ins Taxi setzte, mit denen sie reden konnte. Lian war streng genommen nur die Freundin einer Freundin. Aber nach einem Umzug dauert es immer, bis solche Begegnungen wieder von selbst passieren, und Selva hatte den Zeitraum inzwischen dreimal durchgemessen. Er lag bei ungefähr acht Monaten.
Irgendwann hatte sie gelesen, dass genau dieser Algorithmus zu Bubbles führt, und daraufhin hatte irgendein Schlaumeier einen Regler eingebaut: wie viel Kontakt mit Leuten außerhalb der eigenen Blase man will. Selva hatte ihn ungefähr mittig stehen und war mittelmäßig zufrieden damit.
Es gab Leute, die ihn ganz zugedreht hatten und immer allein im Taxi saßen. Freiwillig.
„Komische Leute“, dachte Selva. „Aber gut. Sollen sie.“
Es gab auch ganze Blasen, die sich eigene Gesetze gaben, oft solche, die ihren Mitgliedern das Leben eindeutig anstrengender machten, ohne dass sie es so sahen. Streng religiöse Gemeinschaften. Und Leute, die sich freiwillig unter irgendeinen Anführer stellten und das offenbar erholsam fanden.
„No-Kink-Shaming“, dachte sich Selva. Solange niemand sie mit reinzog.
Und das konnte niemand, weil überall dieselbe eine Regel galt: Du darfst jederzeit gehen, und draußen ist für dich gedeckt. Dazu kam eine zweite, die eigentlich nur der Betriebsstoff der ersten war: Niemand darf dir den Zugang zu Wissen abdrehen. Selva hatte das lange für Bevormundung gehalten, bis ihr jemand die naheliegende Frage stellte — wie soll jemand austreten, der nicht weiß, dass es ein Draußen gibt?
Danach hatte sie es nicht mehr für Bevormundung gehalten.
Falls also mal jemand auf die Idee käme, hier alles beherrschen zu wollen, könnte man einfach gehen. Oder die Leute gründen sich draußen auf einer der freigewordenen Flächen eine eigene Stadt und bleiben unter sich.
Eine dieser Neostädte hatte mal versucht, ihre besseren Ideen mit Nachdruck weiterzugeben. Selva hatte die Geschichte in einer sehr befriedigenden Version gehört: Nach knapp drei Wochen war die Frage, wen sie eigentlich regieren wollten, unbeantwortbar geworden. Die Leute waren gegangen. Übrig blieben die Anlagen und eine Handvoll Überzeugte, die feststellen mussten, dass eine Stadt ohne die Leute ziemlich schnell ziemlich still wird.
Und dann gab es die Geschichte von dem Staat, der Leute unterdrückte und die neue Technologie einsetzte, um sie besser zu unterdrücken. Irgendwann waren alle langsam weggelaufen, weil man überall willkommen war und überall umsonst leben konnte. Dagegen kam kein Angebot an.
Die Geschichte wurde oft erzählt. Sie ging gut aus.
Die andere wurde seltener erzählt: dass es solche Staaten immer noch gibt. Nicht viele. Aber es gibt sie, und in einem davon lag ein Fass mit Chilipaste, über das Selva seit Wochen nachdachte.
Irgendwer hatte ihr mal erzählt, damals hätte sich ein LLM in sämtliche Netze gehackt und einen „Würde-Killswitch“ installiert, sodass sich Anlagen abschalten, wenn jemand die Menschenwürde verletzt. Selva hatte das eine Weile ziemlich gut gefunden, bis ihr auffiel, dass in dieser Geschichte irgendwo ein Schalter liegt und irgendwer die Hand drauf hat. Und dass niemand so recht sagen konnte, wer die Parameter für Würde festlegt.
Sie holte das Handy raus.
„Warum gibt es eigentlich immer noch autoritäre Staaten?“
Selva hatte ihre Erklär-LLM so eingestellt, dass sie zu allem eine Fünf-Minuten-Minidoku baute. Den Stil hatte sie vor Jahren in einer albernen Stimmung auf „enzyklopädisch, leicht überheblich, gelegentlich abschweifend“ gesetzt und danach nie wieder angefasst. Sie hatte sich dabei, ohne es zu merken, von einem Hörbuch aus einem anderen Jahrhundert inspirieren lassen.
„Eine interessante Frage, die du da stellst …“
„Dass sie das immer noch nicht rausbekommen haben“, murmelte Selva, „dieses betätschelnde Getue.“ Die Trainingsdaten waren damals einfach in die Richtung gekippt, und man hielt es nur mit brachialem System-Prompting in Schach. Sie fragte sich manchmal, ob das jemals rausgeht.
Selva beendete das Video.
Bei „vierzig Jahre“ und „ein paar sehr sture Leute“ hatte sie kurz gedacht: Na also. Danach war es sofort wieder in diesen Ton gekippt, in dem alles klingt wie ein gelöstes Rätsel.
„Ich koch halt gern“, sagte sie zu niemandem.
Sie dachte noch einmal an das Fass und daran, dass sie sich immer noch nicht entschieden hatte. Dann ließ sie es.
Sie merkte, dass das Taxi inzwischen fast leer war. Nur noch eine ältere Dame saß ihr schräg gegenüber und sah aus dem Fenster.
Selva nahm die Kopfhörer raus und überlegte gerade, ob sie die Frau ansprechen sollte — ob die ins selbe Dorf fährt und heute Abend eine Portion will —, da wurde das Taxi langsamer.
Es war noch nicht ihre Haltestelle.
Draußen: Feld, Feld, ein Weg, Feld.
„Das ist ja eine ziemlich verlassene Gegend“, sagte Selva. „Was gibt’s denn hier draußen?“
„Ah.“ Die Frau klang, als hätte sie darauf gewartet, und leicht enttäuscht, dass es so lange gedauert hatte. „Also kann sie doch mit jemand anderem reden als mit sich selbst.“
„Oh. Das haben Sie gehört.“
Die Frau stand auf.
„Kommen Sie mit, ich zeig’s Ihnen. Also wenn Sie mal eine der Anlagen sehen wollen. Es gibt hier gute Pilze. Und wenn man nett fragt, darf man durchs Fenster gucken.“
Selva dachte an die Portionen und an Karl in ihrer Tasche. Durch die Taxifahrt hatte sie ein bisschen Zeit gewonnen.
Dann stieg sie aus.
4
Sie hieß Ruth und ging schneller als Selva.
„Da vorne.“ Sie zeigte über das Feld auf einen langgestreckten, überraschend hohen Bau, der aussah, als hätte jemand ein Logistikzentrum entworfen und auf halbem Weg das Interesse verloren. Keine Schilder. Keine Farbe, dafür sehr viele Graffiti, von denen ein Teil gut war und ein Teil eher nach etwas aussah, das man übermalen sollte. Auf dem Dach Solar bis zur letzten Kante, an der Nordseite ein Gewirr aus Rohren, das offensichtlich später drangebaut worden war.
„Das ist es?“
„Enttäuscht?“
„Ein bisschen.“
„Alle.“ Sie klang zufrieden. „Die Leute stellen sich immer was Glänzendes vor. Dabei ist es im Grunde eine sehr große, innen sehr saubere Kiste.“
Ruth erklärte im Gehen die Zahlen, offensichtlich nicht zum ersten Mal. Eine Anlage kann, wenn man sie ordentlich hochfährt, rund hunderttausend Menschen mit allem versorgen. Um die Stadt herum stehen sieben. In der Stadt wohnen zweihunderttausend.
„Das geht doch nicht auf.“
„Doch. Nur andersrum, als Sie denken.“
Weil Selva gefragt hatte, zählte Ruth auf, was gerade lief. Barsch, Blattgemüse, drei Bakterienlinien — so weit hatte Selva es erwartet. Dann kam der Rest. Vanillin. Pigment für Druckfarbe. Der Grundstoff für ungefähr die Hälfte aller Schmerzmittel. Und Protein, sehr viel Protein.
„Ist doch alles dasselbe“, sagte Ruth. „Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Strom. Ab da ist es nur noch die Frage, welchen Katalysator man dranhängt und welches Bakterium man füttert. Die Leute denken immer, Vanille und Aspirin hätten nichts miteinander zu tun. Haben sie auch nicht. Bis zwei Schritte vorher.“
Selva dachte an ihr Regal mit den Röhrchen und fand die Vorstellung, dass ihr Frühstück und ihre Kopfschmerztablette aus demselben Rohr kamen, gleichzeitig ernüchternd und ziemlich schön.
„Und das Protein?“
„Das Langweiligste und das Wichtigste.“ Ruth klang, als hätte sie den Satz schon oft gesagt und als meinte sie ihn trotzdem. „Am Anfang war das ein gelbes Pulver, das nach nichts geschmeckt hat. Das galt als Durchbruch, und das war es auch, man muss das immer dazusagen. Heute kriegen Sie daraus alles, was Sie wollen, wenn Sie die Faser richtig ziehen. Die Kunst ist längst nicht mehr das Protein. Die Kunst ist die Struktur.“
„Das“, sagte Selva, „ist ungefähr mein ganzer Beruf.“
„Am Anfang gab es genau eine“, sagte Ruth. „Eine einzige, und die konnte alles. Ein Wunderwerk. Und als sie zwei Wochen stand, weil ein Ventil kaputt war, hat man das im ganzen Umland gemerkt.“
„Und jetzt?“
„Jetzt können sie alle fast alles, und keine läuft voll.“ Ruth zeigte in verschiedene Richtungen, offenbar aus dem Gedächtnis. „Die hier steht bei ungefähr vierzig Prozent. Die im Norden bei dreißig, weil die gerade umbauen. Wenn eine ausfällt, ziehen die anderen über Nacht hoch, und die meisten Leute erfahren davon durch eine Meldung, die sie wegwischen. Manchmal gibt’s zwei Wochen keinen Barsch. Das ist der ganze Schaden.“
„Das ist doch ineffizient.“
„Grob ineffizient“, sagte Ruth genüsslich. „Eine große wäre billiger. Wir haben’s ausgerechnet, immer wieder rechnet das jemand nach, und es kommt immer dasselbe raus. Eine große wäre billiger.“
„Warum dann nicht?“
Ruth blieb stehen und schaute sie an, als hätte Selva nach dem Preis der Luft gefragt.
„Weil man eine große besetzen kann.“
Sie gingen weiter.
Am Zaun war kein Tor, nur ein Durchgang, und daneben ein Kasten mit Schuhüberziehern, an dem stand: Bitte nicht reingehen. Ernsthaft. Sporen. Zwei niedrige Maschinen fuhren die Innenseite des Zauns ab, langsam, unbeeindruckt, mit dem Charisma von Rasenmähern.
„Bewachung?“
„Hygiene“, sagte Ruth. „Da drin ist Reinraum. Ein Mensch, der reinläuft, kostet uns drei Wochen. Nicht weil er was klaut — weil er atmet.“
„Und wenn jemand reinwill? Also wirklich?“
„Dann geht die Anlage kaputt und wir haben sechs andere.“ Ruth zuckte mit den Schultern. „Deshalb bewacht sie auch niemand richtig. Man bewacht nur Sachen, die man nicht ersetzen kann.“ Sie ging ein paar Schritte, bevor sie weitersprach. „Vor zwei Jahren ist trotzdem jemand reingeschlichen. Wollte beweisen, dass die Sicherheit ein Witz ist. Hat er auch. Sechs Wochen offline. Er sitzt nicht im Gefängnis, es gibt keins dafür. Aber er wird in keinem Viertel mehr zu den Abstimmungen eingeladen, und darüber wird bis heute gestritten.“
An der Ostseite standen Gerüste. Und darauf, ganz eindeutig, Menschen. Sechs oder sieben, in Arbeitskleidung, dazu ein Kran und ein Stapel Module, die aussahen wie überdimensionierte Schubladen.
Selva war überrascht, und sie hörte selbst, wie dumm die Frage klang, bevor sie zu Ende gestellt war.
„Warum machen das nicht die—“
„Weil’s noch keiner hingekriegt hat.“ Ruth grinste. „Die Anlage läuft automatisch. Erweitern kann sie sich nicht. Jede Erweiterung ist ein Einzelfall, jedes Gebäude steht anders, jeder Untergrund ist anders, und jedes Mal fällt jemandem was Neues ein. Das machen Leute. Und die kriegen dafür Geld.“
„Klar“, sagte Selva.
Ruth schaute sie von der Seite an. „Sie sagen das sehr schnell.“
„Ich koch dafür. Nicht oft. Zweimal im Jahr vielleicht.“
„Wofür?“
„Für Zeug, das die Anlage nicht kann.“ Selva merkte, dass sie sich rechtfertigte, und fand das interessant. „Ein Weizen. Eine geräucherte Paste, die zwei Jahre in einem Fass liegt.“
Ruth nickte zu den Gerüsten hoch. „So läuft das seit vierzig Jahren. Erst Geld, dann Maschine, dann Langeweile. Irgendwas ist wichtig, keiner will’s freiwillig machen, also bezahlt man. Und wenn man lange genug bezahlen muss, setzt sich irgendwann jemand hin und automatisiert es, weil ihn das Bezahlen nervt.“
Selva sagte eine Weile nichts, weil ihr auffiel, an welcher Stelle dieser Kette sie stand.
Sie wollte das Fass. Sie wollte es so sehr, dass sie dafür zwei Abende lang für achtzehn fremde Leute kochen würde. Und wenn sie es hätte, würde sie anfangen, es nachzubauen — aus Grundzeug, aus einem Stamm, aus irgendwas, das sie hochlädt und das dann jeder haben kann, für immer, umsonst.
Der Mann mit dem Fass wäre davon vermutlich nicht begeistert.
„Sie gucken, als wär Ihnen was aufgefallen“, sagte Ruth.
„Erst Geld, dann Maschine“, sagte Selva. „Ich bin die Maschine.“
„Sind wir alle.“ Ruth ging weiter. „Manche merken’s nur nie.“
Ein Stück später, als hätte Ruth den Faden nur kurz weggelegt: „Es staut sich übrigens auch. Bei ein paar Leuten. Die was können, das noch keiner nachgebaut hat, und die deshalb mehr haben als andere. Nicht viel mehr. Aber mehr.“ Sie schaute geradeaus. „Niemand nennt das Reichtum, dafür ist es zu wenig und zu offensichtlich verdient. Alle wissen trotzdem, wer es ist.“
„Und die anderen?“
„Welche anderen?“
„Die, die grundsätzlich nichts bezahlen.“
„Ach, die.“ Ruth machte ein Geräusch, das kein richtiges Lachen war. „Anstrengend. Haben meistens recht und sind trotzdem anstrengend.“
Selva dachte an den Mann aus ihrem Haus, der seit der Butterabstimmung demonstrativ nur noch Kuhmilch aß, jeden Monat dafür bezahlte und darin, soweit Selva das beurteilen konnte, keinerlei Widerspruch sah.
„Und was kostet sonst noch was?“, fragte sie.
„Das, was nicht alle haben können.“ Ruth zuckte mit den Schultern. „Oder wollten Sie noch nie ein Grundstück am See? Offiziell ist das Allmende. Praktisch wird es seit zwölf Jahren denselben zehn Leuten zugesprochen. Und keiner kann Ihnen erklären, wie das kommt.“
„Ich hab kein Grundstück, ich hab einen Koffer.“ Selva schüttelte den Kopf. „Damit komm ich weiter.“
„Und Sie?“, fragte Selva dann. „Was haben Sie gemacht?“
„Ich hab die Fischlinien mitgebaut und die arktische Seesprotte eingeführt. Achtzehn Jahre.“ Ruth sagte es beiläufig. „Jetzt sammle ich Pilze und rede Leute im Taxi voll.“
Selva blieb stehen.
„Die Seesprotte ist von Ihnen?“
„Von uns. Wir waren neun.“
„Ich hab mit der mal einen ganzen Winter verbracht.“ Selva hörte selbst, dass sie zu laut wurde, und machte trotzdem weiter. „Die hat ein Fett, das erst bei sechzig Grad aufgeht. Man kann sie nicht braten. Man muss sie überreden.“
Ruth hörte auf zu gehen. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag sah sie kurz nicht aus wie jemand, der etwas erklärt.
„Das“, sagte Ruth, „hat mir in achtzehn Jahren niemand gesagt.“
Sie führte Selva um die Ecke zu einem einzelnen großen Fenster in der Betonwand, ungefähr auf Hüfthöhe angebracht, mit einem abgewetzten Rand, wie ihn Dinge bekommen, an denen sich viele Leute festhalten.
Selva schaute rein.
Innen: Regale bis unter die Decke, Reihe an Reihe, rosa-weißes Licht, und dazwischen fuhren Dinger auf Schienen, die sehr genau wussten, wo sie hinwollten. Es war absolut still. Es sah aus, als würde eine Bibliothek Salat züchten.
„Wow“, sagte Selva, weil ihr nichts Besseres einfiel.
„Ja“, sagte Ruth. „Man denkt immer, das müsste dramatischer aussehen.“
Ruth ließ ihr Zeit.
„Das da unten links ist der Barsch. Und die Wand dahinter ist die zu den Bakterien, aber die kriegen Sie nicht zu sehen, die mögen kein Licht.“
„Meine Butter.“
„Ihre Butter.“
Auf dem Rückweg zur Straße gingen sie durch ein Waldstück, und Ruth bückte sich alle zwanzig Meter. Nach dem vierten Mal hielt sie Selva einen Pilz hin, der aussah wie eine kleine gelbe Katastrophe.
„Wissen Sie, was das ist?“
„Nein.“
„Sehr gut. Dann fassen Sie ihn nicht an.“ Ruth steckte ihn ein. „Der ist essbar. Ich wollte nur wissen, ob Sie ehrlich sind.“
Zwanzig Minuten später hatte Selva eine Tüte voll und ein Problem: Sie hatte für heute etwas ganz anderes geplant.
Sie dachte kurz darüber nach, dann warf sie den Plan weg.
5
Die Kiezküche hier draußen war kleiner als die in der Stadt, älter und deutlich besser sortiert, was sie kränkte.
Sie kippte die Pilze in ein Sieb und baute das Menü im Kopf um. Weniger Säure. Die nussig-waldige Butter statt der Margarine, was sie sich morgens noch nicht getraut hätte. Die fünf Gänge, die sie geplant hatte, verschoben sich um ungefähr dreitausend Kilometer nach Norden und wurden etwas, das sie nicht benennen konnte. Nach zehn Minuten wusste sie, dass es funktionierte.
Am Nachbartisch stand jemand und schnitt Zwiebeln in einer Geschwindigkeit, die Selva unhöflich fand.
„Du bist neu“, sagte die Person, ohne aufzusehen.
„Nur zu Besuch. Selva.“
„Toni.“ Weiter Zwiebeln. „Was wird das?“
„Das weiß ich seit vierzig Minuten auch nicht mehr.“
Toni lachte, und danach war es einfacher.
Selva wickelte Karl aus und fing an, die Pilze zu putzen.
„Schönes Ding.“
„Geschmiedet. Von jemandem, mit dem ich zwei Jahre lang über Härtegrade gestritten hab.“ Sie merkte, dass sie lächelte, und ließ es. „Ich behaupte, dass mein Essen damit besser schmeckt. Das ist Unsinn. Es schmeckt trotzdem besser.“
„Darf ich mal?“
Und da war es wieder, in genau derselben Sekunde wie damals im Repair-Café: dieses kurze, unangenehme Nein, das schon fertig im Mund lag, bevor sie darüber nachgedacht hatte.
„Lieber nicht“, sagte sie.
Toni schaute sie an, zuckte mit den Schultern und schnitt weiter Zwiebeln.
„Ist okay. Ich hab auch so was.“
„Es ist mir trotzdem peinlich.“
„Warum?“ Toni schob die Zwiebeln zu einem Haufen. „Du lädst doch alles hoch, oder? Rezepte, Stämme, den ganzen Kram.“
„Alles.“
„Dann hast du dein Soll erfüllt und noch drei Schippen drauf. Irgendwas muss übrig bleiben, das nur dir gehört, sonst wirst du komisch.“ Toni schaute kurz hoch. „Ich kenn hier Leute, die haben nichts, was nur ihnen gehört. Die sind nicht großzügiger als du. Die sind bloß dünner.“
„Dünner.“
„Weniger da.“ Toni zuckte wieder. „Schwer zu erklären.“
Das machte es nicht besser. Es machte es erträglicher, und genau das war Selva verdächtig, weil es exakt das war, was sie hören wollte.
Toni wohnte seit sechs Jahren hier draußen, was Selva überraschte, und sie merkte, dass es sie überraschte, und war kurz peinlich berührt.
„Ich weiß, was du denkst“, sagte Toni. „Alle denken das.“
„Ich hab nichts gesagt.“
„Du hast geguckt.“
Selva gab es zu.
„Ich hab in der Stadt gewohnt, elf Jahre.“ Toni schob die Zwiebeln zusammen. „War super. Ich hatte meine Leute, ich hab meine Leute immer noch. Aber es war auch so, dass ich sechs Jahre lang mit niemandem geredet hab, der nicht ungefähr so tickt wie ich. Und als dann mal einer reingerutscht ist, der anders dachte, haben wir ihn so lange diskutiert, bis er gegangen ist. Wir haben das Fortschritt genannt.“
„Und hier?“
„Hier gibt’s zweihundert Leute.“ Toni schaute auf. „Da kannst du dir nichts aussuchen. Der Typ, der die Traktoren macht, hat vor fünf Jahren Sachen gesagt, bei denen ich rausgegangen bin. Und dann hab ich ihn zwei Tage später beim Kartoffelnholen wiedergetroffen, weil es nur einen Ort gibt, wo man Kartoffeln holt.“
„Und?“
„Und jetzt sagt er die Sachen nicht mehr.“ Toni zuckte mit den Schultern. „Nicht weil ihn jemand überzeugt hat. Ich glaub, er hat einfach gemerkt, dass ich existiere und dass das ziemlich unspektakulär ist. Manchmal rutscht ihm trotzdem was raus. Dann wird es still. Und am nächsten Tag holen wir zusammen Kartoffeln. Das ist anstrengender als jede Bubble. Und ehrlicher.“
Selva dachte an ihren Regler und daran, wie ordentlich mittig sie ihn stehen hatte.
„Ich hab da so eine Einstellung“, sagte sie. „Für Kontakt außerhalb der Bubble. Steht auf Mitte.“
„Ja, die hab ich auch. Macht hier nur nichts.“ Toni grinste. „Die funktioniert nur, wenn genug Leute da sind. In der Stadt kannst du aus zweihunderttausend Menschen die dreihundert aussuchen, die dir recht geben. Hier sind’s zweihundert insgesamt. Der Algorithmus sortiert nicht, weil er nichts zum Sortieren hat.“
Selva schwieg eine Weile und rührte.
„Das ist eigentlich schön“, sagte sie dann. Und weil sie ehrlich sein wollte: „Und ein bisschen unheimlich.“
„Warum unheimlich?“
„Weil in der Stadt das Ding für mich entscheidet, wen ich treffe. Und es sagt mir nicht dazu, dass es entscheidet.“
Toni überlegte länger, als Selva erwartet hatte.
„Ja“, sagte Toni schließlich. „Das ist der Punkt, an dem ich auch immer hängenbleibe. Hier entscheidet die Gegend für mich. Das ist auch eine Entscheidung, die mir keiner mitteilt. Aber ich kann sie wenigstens sehen. Und ich kann sie nicht wegdrehen, wenn sie mir nicht passt.“
„Und was ist besser?“
„Keine Ahnung.“ Toni schob die Zwiebeln in die Pfanne. „Ich weiß nur, dass ich es hier sehe. Und dass der Typ mit den Traktoren letzte Woche bei der Abstimmung über die Wasserleitung gegen mich gestimmt hat. Wir haben danach trotzdem zusammen die Rohre getragen. Das ist der Deal.“
Es waren am Ende zwölf Portionen, weil zwei Leute unangemeldet kamen und Selva nicht nein sagen konnte. Einer von ihnen murrte leise, die Portionen seien eigentlich „für Angemeldete“. Selva tat, als hätte sie es nicht gehört. Das gefiel ihr hinterher nicht.
Toni bekam den Rest, weil Toni gefragt hatte, was das wird.
6
Nours Studio lag in einer alten Scheune, in der es nach Desinfektionsmittel und, gegen jede Vernunft, nach Holz roch.
„Du bist spät.“
„Ich hab eine Anlage besichtigt.“
„Ach, Ruth.“ Nour nickte, als wäre damit alles geklärt. „Sie kriegt ungefähr einen pro Woche. Wasch dir die Hände, du riechst nach Pilzen.“
Aus dem hinteren Teil der Scheune rief jemand etwas in einer Sprache, die Selva nicht kannte. Nour rief zwei Silben zurück und deutete mit dem Kopf in die Richtung. „Wohnt hier. Schläft noch. Frag nicht.“
Auf dem Tisch neben der Liege lagen die Maschinen, und Selva brauchte einen Moment, um zu verstehen, was sie da sah. Keine davon sah aus wie die anderen. Eine hatte einen Griff aus dunklem, mehrfach nachgeöltem Holz. Eine war aus einem Stück Aluminium gefräst und trug drei winzige eingeschlagene Kerben. Eine sah aus, als wäre sie aus einer anderen Maschine geboren worden, was, wie sich herausstellte, stimmte.
„Die baust du alle selbst?“
„Kaufen könnte ich sie auch.“ Nour drehte eine davon zwischen den Fingern. „Es gibt gute. Die Pläne sind alle offen, ich hab sie vier Jahre lang gedruckt und gebaut wie alle anderen. Aber irgendwann fängst du an, was zu ändern, weil deine Hand anders ist als die vom Typen, der den Plan gezeichnet hat. Und dann änderst du wieder was, weil du gemerkt hast, dass du beim Schattieren anders sitzt. Und dann ist es deine.“
„Und die Kerben?“
„Tausend Stunden pro Kerbe.“ Nour stellte sie zurück. „Ich hab mal versucht, die Änderungen hochzuladen. Hat keiner gebraucht. Passen ja nur zu meiner Hand.“
Nour zog einen Hocker heran.
„So. Was willst du?“
Selva hatte sich das seit vier Monaten überlegt und holte einen Sticker aus der Tasche, ihren besten, einen, den sie selbst gezeichnet hatte und auf den sie ziemlich stolz war.
Nour schaute den Sticker an. Dann Selva.
„Nee.“
„Was heißt nee?“
„Ich stech nur Sticker. Das ist das Einzige, was ich mache.“ Nour deutete auf die Wand, und Selva sah es jetzt: Fotos, hunderte, Arme, Waden, Schultern, Rücken, und auf jedem ein Aufkleber, gestochen, als wäre er gerade draufgeklebt worden, manche mit Schatten, manche mit einer leicht abstehenden Ecke. Keine zwei gleich. „Aber nicht deinen eigenen.“
„Warum nicht?“
„Weil dein eigener Sticker auf deiner eigenen Haut Werbung ist.“ Nour sagte es ohne Härte, wie eine Wetterlage. „Ein Sticker ist was, das dir jemand gibt. Ich kleb dir nicht drauf, was du über dich denkst.“
Nour stellte ein Einmachglas auf den Tisch. Es war voll.
„Das sind die, die Leute hiergelassen haben. Fünfzehn Jahre. Manche haben mir welche geschickt, manche haben welche vergessen. Du greifst rein und nimmst einen, und du guckst nicht vorher.“
Selva schaute in das Glas und dann auf ihre Hand und stellte fest, dass ihr Puls sich seit ungefähr dreißig Sekunden nicht mehr benahm.
Sie griff rein.
Es war ein kleiner, sehr sorgfältig gezeichneter Vogel, der etwas trug, das entweder ein Koffer oder ein Brot war. Der Strich war fest, die Farben waren daneben gedruckt, um ungefähr einen Millimeter, so wie das früher passierte, als man Sticker noch in Schichten machte.
Selva hatte diesen Vogel noch nie gesehen. Sie kannte niemanden, der ihn gezeichnet haben könnte.
„Ich hab ein Buch“, sagte Nour. „Wer wann was dagelassen hat. Ich kann nachgucken, wenn du willst.“
Selva dachte an Lian im Taxi und an deren Frage, was Bleiben noch heißt, wenn Gehen nichts kostet — und daran, dass sie darauf keine Antwort gehabt hatte, die ihr selbst gefiel.
„Nee“, sagte sie. „Lass mal.“
Es dauerte zwei Stunden. Nour arbeitete mit der Holzmaschine, redete dabei sehr wenig und einmal sehr lange über Marmelade, und der Vogel kam auf Selvas linken Unterarm, mit einer Ecke, die aussah, als würde sie gleich abgehen.
„Sie geht nicht ab“, sagte Nour und legte den Verband an. „Das ist der Witz.“
Danach wischte Nour den Tisch ab, packte die Maschinen weg und schaute auf die Behälter, die seit zwei Stunden neben der Tür standen.
„So. Und jetzt du.“
Sie aßen zu dritt in der Scheune, auf Hockern, mit einem Brett über einer Kiste. Der Mensch aus dem hinteren Teil sagte während des ganzen Essens vier Sätze und aß mehr als Nour und Selva zusammen. Selva erklärte den ersten Gang und ließ es dann sein.
Nour aß langsam und sagte lange nichts, was Selva für ein schlechtes Zeichen hielt, bis ihr einfiel, dass Nour zwei Stunden auf einen Quadratzentimeter Haut geschaut hatte und vermutlich einfach müde war.
Beim vierten Gang, den Pilzen, hielt Nour mitten in der Bewegung an.
„Das war nicht geplant.“
„Nein.“
„Merkt man.“ Nour aß weiter. „Ist das Beste.“
Selva nahm sich vor, darüber nicht weiter nachzudenken, und dachte den ganzen Rückweg darüber nach.
Als sie fertig waren, ging Nour zum Tisch, nahm eine der Maschinen und drückte sie Selva in die Hand. Die aus Holz.
„Nimm die mit.“
„Das ist deine.“
„Das war meine.“ Nour machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich hab drei. Und du ziehst doch eh wieder um.“
„Woher—“
„Ruth hat’s mir geschrieben, während du die Pilze gesammelt hast.“ Nour grinste. „Du redest ziemlich viel für jemanden, der die ganze Fahrt Videos guckt.“
Selva schaute die Maschine an. Der Griff war an einer Stelle dunkler als am Rest, da, wo eine Hand jahrelang gelegen hatte, und es war nicht ihre Hand.
„Ich kann das gar nicht.“
„Dann lern’s.“ Nour hielt ihr die Tür auf. „Und wenn du irgendwo hinkommst, wo sie’s brauchen können, gib sie weiter. Ist nicht deine, ist nur gerade bei dir.“
Draußen war es fast dunkel. Selva stand einen Moment auf dem Hof, mit einem fremden Vogel unter Folie am Arm und einer fremden Maschine in der Tasche, und stellte fest, dass sie in dieser Gegend jetzt drei Menschen kannte, von denen sie heute Morgen keinen gekannt hatte.
Im Taxi holte sie das Handy raus und sagte der Anfrage zu. Achtzehn Leute, zwei Abende, irgendein Jubiläum.
Dann schrieb sie dem Mann mit dem Fass. Nicht, dass sie kaufen wolle. Sondern ob sie zugucken dürfe.
Sie rechnete nicht damit, dass eine Antwort kommt.
Auf dem Rückweg fiel ihr ein, dass sie Herbert nicht gefragt hatte, wo er wohnt. Und dass der Roboterhund vielleicht immer noch auf dem Treppenabsatz stand.
Sie nahm sich vor, morgen früh aufzustehen und zu fragen.